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geschneit 09|10
 
KULTUR IM SCHNEEHAUFEN –
neben der Talstation der Seilbahn Diavolezza steht ein fast «normaler» Schneehaufen. Er ist begehbar – und beherbergt eine Ausstellung anlässlich des Jubiläums 100 Jahre Berninabahn. Von Inge Beckel.
 
Die Begeisterung bei der Eröffnung der Berninabahn im Jahre 1910 war gross, denn sie stellte eine der spektakulärsten Bahnstrecken des frühen 20. Jahrhunderts dar. Das auf gut 1800 m ü.M. gelegene St. Moritz – schon damals beliebter Kur- und Ferienort der betuchten Gesellschaften – sollte fortan über den Berninapass: konkret über Bernina Ospizio, die Alp Grüm und hinunter nach Brusio und Poschiavo, mit dem südlichen Tirano, gelegen auf gut 440 m ü.M., verbunden sein.
Kunstschnee – mit horizontalem Lichtschlitz –, Naturschnee (Bilder: C. Kübler)
Aussergewöhnlich ist wohl, dass die Berninabahn von Beginn weg explizit als Touristenbahn – also nicht primär für die Leute aus der Region – gebaut wurde. Denn die Engadiner Gäste wollten schon vor 100 Jahren mit spektakulären Events unterhalten sein … Die Linienführung respektive die Legung der Trassees ist also derart gewählt, dass den Passagieren stets ein grossartiges Panorama auf Berge und Gletscher geboten wird. Überdies «fällt» die Bahn auf der Strecke zwischen Bernina Osizio und Tirano – was einer Horizontaldistanz von 22 Kilometern entspricht – um 1800 Höhenmeter in die Tiefe der nördlichen Lombardei hinab.
 
Fit auch für den Winterbetrieb!
 
Die Bahn war von Anbeginn an elektrisch betrieben. Das hiess, dass die Gäste nicht länger fürchten mussten, ihre Kleider würden mit schwarzen Russflecken beschmutzt. Auch die ursprünglich gelbe Farbe der Bahn selbst war Ausdruck des elektrischen Betriebs: kein Russ – also helle Farben! In den ersten Jahren fuhr die Bahn nur während der Sommermonate. Schon bald aber wurde sie für den Winterbetrieb fit gemacht. In der Saison 1911/12 stiegen die Gäste für eine Teilstrecke – von der Alp Grüm bis nach Cavaglia – noch auf den «Bahnersatz»-Schlitten um. Doch bereits im Winter 1913 war die gesamte Strecke durchgängig mit der Bahn befahrbar.
Schneedom, Grundriss (Plan: gasser, derungs)
Anlässlich des diesjährigen Jubiläums der Berninabahn – heute durch die Rhätische Bahn RhB betrieben – haben die Verantwortlichen nun ihre frühe Wintertauglichkeit zum Thema einer kleinen, durch ihren aussergewöhnlichen Standort – gelegen am Rande der Piste mitten im Schnee – jedoch ebenso ungewöhnlichen Ausstellung erklärt. Ausgangslage des Entwurfs zum Schneehaufen oder Schneedom – vom Büro Carmen Gassers und Remo Derungs' – waren zwei Schneekristalle, die über einen gemeinsamen Kristallarm verbunden sind; inhaltlich wurde die kleine Schau von Christof Kübler kuratiert. Sie folgt den Schwerpunkten «Material», «Landschaft» und «Tourismus» und ist primär mit in die Schneewände eingekerbten Fototafeln bestückt, ergänzt durch Filme und akustische Elemente wie das Geräusch der zischenden Schneeschleuder, genannt «Bernina-Ungeheuer». Im hinteren Teil des Schneedoms befindet sich eine Schneebar aus klarsichtigen Eisblöcken – die Sitzbänke deckt ein knallroter, feiner Filzstoff.
Schneebar mit Bildergalerie
Architecture parlante
 
Zur Zeit der Eröffnung der Bahn vor 100 Jahren wurde das Trassee ausschliesslich mit menschlicher Muskelkraft vom oft meterhohen Schnee befreit. Es waren Schwerarbeiter, die sich mit ihrem Material – Schaufeln und Besen – nach jedem Schneefall oder nach starken Verwehungen Meter um Meter übers Trassee kämpften! Bald jedoch wurden zwei Dampfschneeschleudern von je 1000 PS angeschafft, was einen regulären Betrieb erst eigentlich ermöglichte. – Der Schneedom des Jahre 2010 liegt denn auch wie ein lange «überdauerter», vielleicht von einer Dampfschneeschleuder aufgetürmter Schneehaufen da. Er ist eine Art Reminiszenz oder Hommage an jene Pionierzeit.

Der Schneedom kann gewissermassen als architecture parlante gelesen werden – sowohl hinsichtlich des Winterbetriebs der Bahn als auch des sie umgebenden Naturerlebnisses. Ein Bild, das durch die zwei Schneekristalle, die die Form des Innenraums generieren, weiter unterstrichen wird. Denn hier kommt es zwischen Ausstellungsthema und Architektur zu einer ungewohnt spannenden Koinzidenz: Nur über die erfolgte, oft mühsame Winterräumung der Strecke konnten – und können – die (im warmen Zug sitzenden) Touristen den Blick auf die verschneiten Berge geniessen – ein entsprechendes Bild aus einem Speisewagen findet sich in der Schau –, während man als Ausstellungsbesucherin oder -besucher selbst in eben einem solchen Schneekristall steht …
1910 noch wurde mit Schaufel und Besen geräumt …
Ballone als «Lehrgerüst»

Um technisch die grösstmögliche Dichte oder gewünschte Festigkeit zu erreichen, sind die Schneehaufen aus Kunstschnee gefertigt. Wie bei frühen Bahnbrücken wurden so genannte Lehrgerüste aufgebaut, heute handelt es sich um orangefarbene Ballone. Sind diese aufgeblasen, werden sie mit dem bereit liegenden Schnee beschneit. Durch die leichte Vibration der Ballone wird der Schnee verdichtet und in der Folge hart. Ist er genug gefestigt, wird die Luft im Ballon abgelassen – und der Ballon aus dem entstandenen Hohlraum herausgezogen.

In Diavolezza führten die Kunstplastiker Daniel Cotti und Markus Buschor diese Arbeit aus. Zuerst fertigten sie die beiden grossen Dome, die sie dann mit Schabeisen und Motorsägen in die richtige Form gebracht wie auch Zugänge und Fenster herausgeschnitten haben. An die «Löcher» wurden erneut Ballon-Arme angedockt, um diese wiederum zu beschneien. Schliesslich ist das gesamte Volumen der mehrarmigen Kristall-Räume entstanden; es wurden 3000 Kubikmeter Schnee verarbeitet. Die gesamte Aufbauarbeit – inklusive Bespielen der Innenräume – dauerte zwei Wochen.
Herausziehen des «Lehrgerüsts» eines orangefarbenen Ballons
Auch am Fusse des Schlosses Tarasp im Unterengadin steht ein Schneedom, hier Eispalast genannt – nunmehr aber betrieben als Bar mit einem kleinen Kinoraum, wo – wie könnte es anders sein – auch Pingu-Filme gezeigt werden. Sowohl der Schneedom bei Diavolezza wie jener in Schuls-Tarasp werden bis zur Schneeschmelze betrieben respektive besucht werden können … ib