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Literatur
Matthias Horx, Das Buch des Wandels. Wie Menschen Zukunft gestalten, München 2009, € 22.95 Matthias Horx, Trend-Report 2010, ISBN: 978-3-938284-49-0, € 125 Peter Sloterdijk, Du musst dein Leben ändern, Frankfurt 2009, CHF 45.90 Peter Sloterdijk, Philosophische Temperamente, München 2009, CHF 27.90 Roger de Weck, Nach der Krise. Gibt es einen anderen Kapitalismus?, Zürich 2009, CHF 17.90 Links Zu Matthias Horx: www.zukunftshaus.at www.zukunftsinstitut.de Bundesamt für Raumentwicklung ARE: www.are.admin.ch |
Wohin müssen sich unsere Städte entwickeln? – darüber referierten und diskutierten gestern Mittwoch im Rahmen des Future Forums der Bau- und Immobilienmesse Swissbau der Philosoph Peter Sloterdijk und der Trendforscher Matthias Horx. Moderiert wurde das illustre Zusammentreffen vom Publizisten Roger de Weck. Hier im gut sitzenden Businessanzug der smarte und dynamische Trendforscher, zu animierten und bunten Powerpoint-Folien frei sprechend, sich auch für zottige, lautes Publikumsgelächter auslösende Seitenhiebe etwa auf Prominente nicht zu schade – der aber am Ende doch zu sehr an der Oberfläche blieb und über bereits bekannte «Megatrends» redete. Dort der intellektuelle, sich leicht ungepflegt kleidende und frisierende Philosoph, welcher wortgewaltig seine Gedankengänge darlegte und so manches als neuartig gepriesene (oder beklagte) Phänomen feinsinnig-ironisch als quasi logische Konsequenz der Kultur- und Menschheitsgeschichte entlarvte – freilich ohne visuelle Hilfsmittel. Beiden gemeinsam war hingegen die Betrachtungsweise des Urbanen aus der Sicht des Menschen. Fabienne Hoelzel hat mitgelauscht. Roger de Weck, Matthias Horx, Peter Sloterdijk, v.l.n.r. (Bilder: fh)Megatrends und urbane Anthropologie Beide, Horx wie Sloterdijk, nahmen die rasante, unaufhaltsame Fortschreitung der Verstädterung der Welt zum Ausgangspunkt ihrer jeweiligen Referate. Die Zukunft der Menschheit ist eine urbane; der Trendforscher steht dem positiv gegenüber, sieht er doch darin ökologische Vorteile. Die Rechnung ist schnell gemacht: Nach heutigen Berechnungen werden 2060 etwas weniger als als drei Viertel der Bevölkerung in urbanen Agglomerationen leben und somit lediglich 4,2 Prozent der Erdoberfläche besiedeln. Diese Konzentration in den Ballungsräumen müsste, so Horx, einigermassen problemlos ökologisch zu optimieren sein. Sloterdijk hingegen wies darauf hin, dass zwar heute nur 2 Prozent der Erdoberfläche von städtischen Siedlungsräumen in Anspruch genommen werden, dort aber 75 Prozent des globalen Ressourcenkonsums stattfinden. Eine Abkehr von diesem Trend bezeichnete der Philosoph als die Quadratur des ökologischen Kreises oder mit anderen Worten: als unwahrscheinlich. Horx' Hauptthema waren die sogenannten Megatrends, welche nach dessen Einschätzung eine starke Auswirkung auf die künftigen Städte und den nachfolgenden Städtebau haben werden. Es sind dies die Individualisierung – Singles zwischen 18 und 50 stellen mittlerweile die grösste soziale Gruppe, Familien sind individualisiert, multi-mobil und bewegen sich zwischen mehreren Wohn-, Arbeits- und Schulorten und die traditionelle (Gross-) Familie wird durch Wohngemeinschaften mit Patchwork-Famillien, Freunden und Nachbarinnen abgelöst; das (Down) Aging – das Altern im positiven Sinne: Wir sehen nicht nur jünger aus als unsere Vorfahren, sondern sind auch gesünder, leistungsfähiger und leben länger; die New Work – die Anforderungen der sogenannten creative class (beispielsweise Architekten, Künstlerinnen, Softwareentwickler und Designerinnen) an die städtische Infrastruktur und Gestalt werden entscheidend sein für den allgemeinen Wohlstand; und schliesslich der nach Horx' mit Abstand wichtigste Megatrend für die Zukunft von Stadt und Gesellschaft: die Frauen, resp. deren weiter anwachsende Anteil am Arbeitsmarkt und deren Aufstieg in die Führungsetagen. Horx prognostiziert für die Jahre um 2050 eine Einkommens- und Erwerbsgleichheit von Frau und Mann, was einen grossen Einfluss auf Politik, Wirtschaft, das Familien- und allgemeine Zusammenleben sowie die dazugehörigen Arbeits- und Lebensräume haben wird. Sloterdijk bewegte sich in seinem Referat fernab modischer Strömungen und widmete sich in gewaltiger Fabulierkunst der urbanen Anthropologie. Er bezeichnete es als List der Natur, dass sie Menschen produziert, welche die Stadt so bauen, wie diese die Natur selber bauen würde – wenn sie es könnte. Er beschrieb die Stadt seit jeher als einen Ort der Arbeitsteilung, des gemeinsamen «Sicherheitsdesign», der gegenseitigen Beleidigung, als Bühne und Marktplatz. Den Menschen, den Stadtbewohner, sieht er als aufrecht gehendes Tier, welches schnell erschöpft ist, in kurzen Abständen Schlaf- und Essenspausen einlegen muss und nicht fähig ist, lange aufmerksam zu bleiben. Poetischer formuliert: Der Mensch leidet an einer organisch bedingten, zeitweiligen Weltfremdheit – was nach Sloterdijk den Städtebau künftiger Megacities beeinflussen wird, da Wohn- und Arbeitsstätten zu weit auseinander liegen und somit «halb-öffentliche» Orte für die kurzfristige Regeneration geschaffen werden müssen. Eine weitere städtbauliche Herausforderung stellt nach Sloterdijk die Massenkultur dar, welche sich dadurch kennzeichnet, dass diese den Sinn durch Unterhaltung ersetzt. Dies geschieht dann, wenn die StadtbewohnerInnen das «Gravationsfeld der Not» verlassen und nunmehr über «überflüssige» Zeit verfügen. Marx lehrte dies als «Entfremdung», Heidegger bezeichnete es als «heimtückische Not», resp. «Not der Notlosigkeit». ![]() Künftige StadtträgerInnen und das «Empty State Building» Beide Referenten wiesen eindringlich und mit einem gewissen Wehmut auf das Verschwinden des stadttragenden Grossbürgertums hin. De Weck merkte an, dass Genf und Basel von den Zuwendungen des Grossbürgertums profitieren würden, wohingegen in Zürich keine tragende Schicht zu identifizieren sei. Als Folge würden in der grössten Schweizer Stadt keine grossen, bekannten Bauwerke gebaut werden. Sloterdijk entgegnete auf diese Gegenüberstellung, dass er den Weg Zürichs als exemplarisch für die weltweite Stadtentwicklung erachte. Gleichzeitig verwies er auf die Bedeutung des vornehmen Bürgertum für die Stadt durch umfangreiche Spenden. So werden etwa in den USA jährlich 308 Milliarden US-Dollar gespendet, das auf die Population umgerechnete Verhältnis zu Europa beträgt 20:1. In Deutschland werden lediglich 4 Milliarden Euro gespendet – ein Umstand, welcher nach Sloterdijk direkt auf den fehlenden Adel und das entsprechend mangelnde «Geber»-Bewusstsein zurückzuführen ist. Denn Stolz sei weit vor Mitleid die Quelle der schenkenden Tugenden. Sloterdijk bedauert, dass man – nach dem Ausbruch der französischen Revolution – das Augenmass verloren und nicht rechtzeitig die gesamte Liquidierung des Adels gestoppt hatte. Heute würden nun die politischen Parteien sich teilweise die Aufgaben des Bürgertums «unter den Nagel reissen». Horx sieht darüber hinaus das wandernde Kapital, also jede (vorübergehend) ökonomisch aufsteigende Gruppe, als Bürgertumsersatz. Städte wie Dubai betrachtet Horx als wenig zukunftsträchtig, würden sie sich doch in erster Linie damit zufrieden geben, Gesten des Westens zu kopieren um damit etwa zu beweisen, dass sie auch befähigt sind, derart hohe Türme zu bauen. Weiter verwies der Trendforscher auf die Notwendigkeit, dass erfolgreiche Städte organisch gewachsen sind, wohingegen in Dubai, bedingt durch die häufige Abwesenheit der BewohnerInnen, kein städtisches Leben entstehen könne. Sloterdijk, anknüpfend an die Kulturgeschichte, erinnerte daran, dass New York seinerzeit ebenfalls in Zeiten der Krise und Rezession mit dem Bau und der Eröffnung des Empire State Building eine antizyklische Geste mit ungeheurem Prestigewert gelungen sei. Der Turm wurde im Volksmund wegen der leerstehenden Flächen zwar lange als «Empty State Building» bezeichnet – der Rest der erfolgreichen Geschichte ist aber bekannt. Analog traut der Deutsche auch Dubai nach Beendigung der Krise erneut ein modifiziertes (Bedeutungs-) Wachstum zu. ![]() Segregierte versus durchmischte Städte und die leidige Nachhaltigkeit
Ist die Stadt der Zukunft sozial durchmischt oder segregiert? wollte de Weck wissen. Horx entgegnete, dass die Stadt immer ein Ort der Unterscheidung gewesen sei und verwies auf die bekannten Gentrifizierungsprozesse; als Beispiel nannte er die Entwicklung des Stadtteils Soho in New York. Sloterdijk wies darauf hin, dass erst in jüngerer Zeit die Erfindung des Nationalstaates zur Einigung der lose, segmentär und nebeneinander existierenden Einheiten führte. Der Philosoph sagt für die Zukunft einen grossen moralischen Druck auf die Städte des 21. Jahrhunderts voraus: Das «Kirchenmodell» soll mit Gewalt auf die politischen Gesellschaften übertragen werden, was eigentlich nur schief gehen könne. Horx pflichtete bei und prophezeite, dass Städte an der erzwungenen Integrationspolitik scheitern werden, weil sie existierende Unterschiede nicht akzeptieren können. Als positives Beispiel für eine gelungene durchmischte Gesellschaft erwähnte Horx London, gefolgt von New York, wohingegen er Berlin als ein Exempel sieht, wo es da die Deutschen und dort die Türken gibt, nicht aber eine wahrlich koexistierende Bevölkerung. Dem Trendforscher schwebt eine Gesellschaft vor, die derart plural ist, dass sie keine Feinde mehr produzieren kann. Gegen Schluss sprach de Weck die (unmögliche) Gleichzeitigkeit von (ökologischer) Nachhaltigkeit und Profitdruck an. Wie kann unter solchen Umständen eine Stadt geplant werden? Sloterdijk erachtet den Nachhaltigkeits-Begriff als problematisch – und nicht nur, weil er, ähnlich wie «Nachwuchs», aus der Forstwirtschaft stammt und für eine «idyllische pflanzliche Metaphorik» steht. Der Begriff werde schlicht zu oft verwendet, was auf ein «neurotisches Symptom» schliessen lasse und damit für etwas stehe, was nicht funktionieren würde. Städte seien gigantische Verschwendungsmaschinen, sozusagen permanente Feuerwerke – bis sie untergehen, wie einst Rom, Athen und Jerusalem, da diese ebenfalls ökologische Unmöglichkeiten gewesen seien. Letztere sind allerdings in anderer Form wieder auferstanden (oder wieder ausgegraben worden). Kurz: Sloterdijk bezeichnet nachhaltigen Städtebau als eine paradoxe Formulierung mit Selbstüberforderung. Von ökumenischen Berufen Abschliessend macht Horx bei der Architektin, beim Architekten ein Identitätsproblem aus. Sieht sie oder er sich gemäss Horx' Erfahrung gerne als Künstlerin oder Philosoph (oder beides), so handelt es sich doch in Wahrheit um so etwas wie einen Oberhandwerker, dies die polemische Schlussfolgerung. Sloterdijk dagegen attestiert den Berufsangehörigen fast aller Fachrichtungen ein verengtes Weltbild, da diese sich infolge ihrer Tätigkeit nur mit einer bestimmten Gesellschaftsschicht beschäftigen. Die Pfarrerin hingegen, der Romancier, die Architektin und der Philosoph sind davon ausgenommen, da sie zeitlebens mit allen sozialen Gruppen zu tun haben. Wobei der Architekt, die Architektin, so Sloterdijk, der ökumenischste der vier genannten Professionen sei, baut er oder sie doch Häuser für Menschen aller Art. fh |
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