world-architects.com CH DE AT BE FI IT PT US NY CA MX BR JP CN AU
Newsletter | Press | About | Contact | Links | Legal
 

swiss-architects.com

 
 
 
gepflanzt 27|09
 
EINE STADT BLÜHT!
So etwas schaffen nur Gärten: Eine ganze Stadt mit anderen Augen sehen, mit anderen Ohren hören und mit einer anderen Nase riechen. Das Festival Lausanne Jardins lohnt einen Besuch mit Kind und Kegel.

Vor zwölf Jahren fing es an. Riesige Wände aus Schilf versperrten den Weg, in Zierbeeten wuchsen Randen und Sellerie, man ging durch Tunnel aus Hopfen, es duftete nach Gewürzen und Kräutern. Damals, 1997, fand zum ersten Mal Lausanne Jardins statt – halb Festival halb Ausstellung – mit dem Ziel, zeitgenössische Gartenkunst Bewohnerinnen und Touristen näher zubringen. Mit grossem Erfolg. Nach einer etwas weniger gelungenen zweiten Schau übernahm 2004 der Architekt und Tracés-Chefredakteur Francesco Della Casa die Rolle des Kurators und änderte nicht das Medium, wohl aber den Ort und das Ziel: Hatte man vorher stets das Zentrum der Stadt bespielt, konzentrierte sich Della Casa nun auf das innerstädtische Entwicklungsgebiet Vallée du Flon. Von den Eingriffen der Landschaftsarchitekten erhoffte er sich nicht mehr nur Werbung für eine zeitgemässe Vorstellung von Garten, sondern auch Ideen für kommende Planungsschritte und einen frischen Blick auf die vorhandenen aber verschütteten Qualitäten eines vernachlässigten Ortes.


Die grüne Linie

Auch mit der vierten Ausgabe von Lausanne Jardins möchte Francesco Della Casa heuer die Gärten wieder als Impulsgeber für Stadtentwicklung nutzen. Unter dem Motto Jardins dessus dessous spannen sich die zum Teil temporären, zum Teil provisorischen Eingriffe entlang der neuen Metrolinie M2, mit der man in 18 Minuten vom See über den Bahnhof bis zur nordöstlich, knapp ausserhalb der Stadtgrenze gelegenen Station Croisettes gelangt. Die vollautomatisch gesteuerten Wagen der ersten Metro der Schweiz – und der weltweit steilsten ohne Zahnradantrieb – hätten dabei die Funktion eines Skiliftes, so der Kurator: Sie tragen die Besucher bis auf rund 719 Metern Höhe über Null und von da an geht es nur noch bergab. Schon während des Transports künden Klänge und «Gärten» in den Hightech-Stationen vom sinnlichen Erlebnis, das uns bevorsteht. Mit dem nützlichen carnet de route in der Hand gehen wir mit Kind und Kegel den vorgegebenen Pfad, der in vier Abschnitten hinunter zum See führt und dabei immer wieder auf Stationen der M2 stösst. Dabei folgen wir den dezenten violetten Wegweisern und den grünen Bodenmarkierungen, die jeweils die Höhe über Meer und die Namen von typischen Pflanzen angeben, die auf dieser Höhe wachsen (topographies végétales).



Auf dem riesigen Plateau in Croisettes wird der Bauboom bald losbrechen; noch ist es melancholisches Niemandsland. Der Holzschnitzelweg führt uns zu einem point de vue, dessen geschichteter Ausblick dem ähneln muss, was ein Berner Wandersmann vor einigen hundert Jahren sah: grüne Hügelkuppen, See, Berge. Mitten in dieses idyllische Panorama ragen die drei 16-geschossigen Valmont-Scheiben aus den frühen 1960er-Jahren; drei lange Felder weisser Blumen führen sie perspektivisch weiter (sillons chantez). Etwas tiefer am Hang leuchtet ein blaues Blumenfeld, in dem gelbe Schwimmerfiguren ihre Bahnen ziehen (les ors du lac). Solche raumgreifenden Versuche poetische Bilder zu wecken beschränken sich auf den Auftakt des Parcours. Was folgt, ist ein Spaziergang über Feld-, Wald- und Schleichwege, Quartier- und Ausfallstrassen, die Auto- und die Eisenbahn kreuzend, durch Quartiere aller Epochen und Körnungen – ein Spaziergang, der uns ein unbekanntes Lausanne näher bringt und für dessen 35 Stationen man einen ganzen Tag reservieren sollte.


Beispiel 1: Platons!

Die Wohnblöcke des Quartiers Praz-Séchaud aus den späten 1960er-Jahren sind das, was man einen sozialen Brennpunkt nennt. Einen Teil des bisher offenen Aussenraumes zäunte man mit «lebendigen» Weitenruten ein und legte dort geometrische Reihen von Gemüsepflanzen und Kräutern an, umrahmt von Obstbäumen. Wenn Lausanne Jardins vorbei ist, wird dieser grosse und schöne Nutzgarten in Einheiten aufgeteilt und den zumeist ausländischen Bewohnern des Quartiers zur Verfügung gestellt. Im benachbarten ehemaligen Bauernhof, der heute ein Kulturzentrum beherbergt, finden während des Festivals regelmässig Feiern statt, bei denen jeweils ein Schaf einer anderen Installation (et in arcadia ego) am Spiess gebraten und verspeist wird.

Beispiel 2: Rhize

Im Wäldchen jenseits der Autobahn überdeckt das lichte Blätterdach ein unerwartet idyllisches, kleines Tal. Der Fussgängersteg, der wie eine miniaturisierte Autobahnbrücke das Tobel überspannt, gibt eine erste Übersicht, danach führt der Weg unten am Bach entlang. Von dort staffelt sich plötzlich eine Vielzahl breiter, mit einfachen Brettern abgestützter Stufen den steilen Erdhang hinauf. Sie führen zu zwei Orten, an denen Sitzgelegenheiten den Spazierenden zum Schauen auffordern. Sie oder er sieht: bizarre Wurzeln, die aus der erodierenden Erde ragen und schöne Bilder beim Blick hinunter, in denen der holzschraffierte Weg dem Hang eine nachvollziehbare Form gibt.


Beispiel 3: Secrets de gouttes

Das vorstädtische Wohnquartier aus den 1950er-Jahren, das wir durchqueren, ist menschenleer; dafür wird es von grossen, aus Ruten geflochtenen Eiern bevölkert (de cocons en cocons) und bei der nahen Metrostation bestimmen wir über riesige montierte Fernrohe im mehrere hundert Meter entfernten Wald die Baumarten (dentelles). Zurück in der Stadt, kosten wir im Erdbeerfeld an einer belebten Strassenkreuzung ein paar Früchte (la revancha de la fresa), was wir jedoch beim Pilzgestell, das sich an die Mauer eines Eisenbahnbogens lehnt und ein Dutzend modrige Arten ausstellt, tunlichst unterlassen (champinox). En vogue sind heuer vertikale oder gar schwebende Gärten – wir sehen einige davon, unser Herz gewinnt aber nur einer: Auf der ständig befeuchteten Oberfläche einer mächtigen Stützmauer wachsen Flechte und Moose, es ist kühl, es riecht. Am Fusse dieser Wand stehend, fallen Tropfen auf uns herab, treffen auf am Boden liegende Metallplatten. Geheimnisvolle Geräusche…



Am Ende unseres Spaziergangs stehen wir am See und bedauern – nach unseren Schleichwegen durch die geheimsten Winkel der Stadt – die Kehrseiten des Tourismus. Dennoch – die farbigen, die Zierrabatten der Quaianlage überspannenden Netze sind der wohltuend unambitiöse, schlicht-schöne Abschluss der erwanderten Ausstellung. Im Katalog ist davon jedoch keine Spur, denn sie sind das anonyme Werk städtischer Gärtner. Genau das ist es, was Lausanne Jardins so wertvoll macht: Es schärft die Wahrnehmung der Stadt mit allen Sinnen.

Axel Simon