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Hanspeter Danuser,
Kurdirektor von St. Moritz Gespräch vom 12. Juli 2007 i. Z. mit Recherchen zum Schweizerischen Beitrag: A R C H / S C A P E S Die Verhandlung von Architektur und Landschaft auf der 7. Internationalen Architekturbiennale São Paulo (10.11. bis 16.12.07) [vgl. auch hier]. Danach wird der Beitrag vom 01.02. bis zum 11.05.08 im S AM in Basel gezeigt. |
«Es überrascht, dass die Politiker sich nicht mehr darum bemühen» Dies meinte der St. Moritzer Kurdirektor Hanspeter Danuser noch vor einem halben Jahr zum Dauerthema Zweitwohnungsbau. Inzwischen wurde der Kreisrat im Oberengadin neu bestellt, gut die Mehrheit der Gewählten ist heute grün-progressiv – damit kippt jetzt die Politik, so Danusers Hoffnung in der Zeitung Südostschweiz vom 05.01. Doch vorläufig werden sich – nach dem touristischen Höhepunkt in den Bergen, der Zeit zwischen Weihnacht und Neujahr – die Tourismusorte in den kommenden Wochen wieder vermehrt leeren, mit unterschiedlichen Schwankungen, bis in einem Jahr die nächste absolute High season ansteht. Das Gespräch führten Inge Beckel und Fabienne Hoelzel. Celerina bei St. Moritz (Bild: flickr.com/HStolz)Der Zweitwohnungsbau – auch ein atmosphärisches Problem Wie beurteilen sie die Situation um den Zweitwohnungsbau im Engadin? Das ist vielleicht das grösste Problem, das wir haben. Ich betrachte den Zweitwohnungsbau als Zeitbombe, die sich nicht nur auf St. Moritz oder das Engadin beschränkt. In der Schweiz hat man vor lauter «Eigentum als heilige Kuh» die Kuh verkauft statt der Milch. Dies, im Gegensatz zu Vorarlberg, Tirol oder Südtirol, wo Verbote bestehen, an Auswärtige zu verkaufen. Die haben entsprechend Zweitwohnungsquoten von sechs oder sieben Prozent und damit «wärmere» Orte als bei uns. Unsere werden immer kälter, deshalb gibt es so viele Schweizer, die in unsere Nachbarländer im Osten in die Ferien gehen. Hier haben wir tatsächlich ein atmosphärisches Problem. Es ist natürlich auch von der Umwelt her gesehen ein Witz, wenn man sich vorstellt, 3 von 5 Wohnungen stehen im Schnitt 46 Wochen im Jahr leer und werden durchgeheizt. Gerade werden 2 Hotels von Lord Norman Foster für 140 Millionen wunderschön renoviert — aber in Residenzen und Büroräumlichkeiten umfunktioniert. Früher haben jene Bauten den Ort belebt, dem Gewerbe zu essen gegeben und die Bergbahnen beflügelt. Heute ist die Produktivität dieser Orte, die Bewirtschaftung kleiner als 10 Prozent. Wir haben eine Anstimmungsschlacht gehabt vor gut 2 Jahren, über die Hälfte ging stimmen, 72 Prozent haben die Initiative angenommen. Das heisst, die neuen Zweitwohnungsbauten im Tal, das sind 11 Gemeinden, sollen reduziert werden, von 400 auf 100 pro Jahr. Das wird jetzt sukzessive umgesetzt, und entsprechend explodieren die Preise. Letztes Jahr ist beispielsweise die alte Schah-Villa, deren Preis sich innerhalb der letzten 8 Jahre verdoppelt hat, für 39 Millionen gegangen, die Villa Koller auf der anderen Seite der Strasse für 72 Millionen. Das sind alte Villen, die Investitionen beginnen erst jetzt. Das ist zwar für das Baugewerbe und die Gemeinde lukrativ — unsere Gemeinde hat 5000 Einwohner, ein Jahresbudget von in der Regel 71 Millionen, einen Cash-flow von 25 Millionen pro Jahr und seit etwa 12 Jahren ein Bauvolumen von über 100 Millionen. Das ist ja alles sehr schön, und im Zweifelsfalle ziehe ich es der Kapitalflucht vor, aber es ist im Moment ein Hype, und der verteuert das ganze Leben auch der Einheimischen. St. Moritz hat in den letzten 10 Jahren 10 Prozent seiner Hotelbetten verloren und 10 Prozent seiner Bevölkerung. Auf 5000 Leute kommen 4500 Arbeitsplätze. Villa in Surlej (Bild: flickr.com/El Romano)Zweitwohnungstyp B – B wie bewirtschaftet Wie würden sie das Problem angehen? Die Situation sieht so aus, dass Franz Weber noch etwa 20'000 Stimmen fehlen für seine Initiative gegen Zweitwohnungsbau, die er unter dem Titel Helvetia Nostra lanciert hat, mit Unterstützung der Rechten und Grünen [Anm. der Redaktion: Inzwischen wurde die Initiative eingereicht]. Es ist das Mittelland, das mehrheitswirksam abstimmt, und möglicherweise kommt die Abstimmung durch. Sie beschränkt die Quote für Zweitwohnungen auf 20 Prozent pro Ort. Wir haben fast 60 Prozent – dann ist ausgebaut! Bestehende Bausubstanz in den Ortskernen und Dorfzentren kann nicht länger restauriert und renoviert werden, weil es sich nicht rechnet. Dann kriegt man für ein altes Hotel nur wenige Kontingente für Zweitwohnungen. Die Erstwohnungen, die auch gebaut werden müssen, sind ohnehin zu teuer. Was fehlt, ist das Mittelfeld. Darum habe ich schon lange vorgeschlagen, einen Zweitwohnungstyp B zu schaffen. Also nicht nur Erst- und Zweitwohnungen wie bis heute, sondern beweglicher zu werden in der Bewirtschaftung: Zweitwohnungstyp B, B wie bewirtschaftet. Ein Projekt kann dann gebaut werden, wenn 50 oder 70 Prozent Bewirtschaftung oder Nutzung gewährleistet ist. Es gibt die üblichen Kontingentierungen für Zweitwohnungen, das sind wenige «Filetstücke», weiter gibt es Erstwohnungen, die werden eh genutzt, und schliesslich das Mittelstück. Die kann man nur mit Servitut kaufen, wie zum Beispiel in Whistler Mountain, im Sommer und im Winter einen Monat für sich reservieren, und den Rest der Zeit muss man die Wohnungen der zentralen Buchungsstelle zur Verfügung stellen, zu marktüblichen Preisen. Das sollte meines Erachtens gemacht werden. Ich bin überrascht, dass sich die Politiker noch nicht darum bemühen. Die Initiativen werden zustande kommen und wahrscheinlich angenommen. Die zweite Initiative kommt von Pro Natura und will ein Bauzonen-Moratorium für 20 Jahre, ist also auch rigoros. Das kann nicht im Interesse der Bergregionen sein. Wir werden garantiert überstimmt vom Unterland, wo die Zweitwohnungsproblematik nicht existiert und einfach dagegen Stellung genommen werden kann. Samedan im Oberengadin (Bild: flickr.com/ritsch48)Besitzstandswahrung und künftiges Flat-sharing Warum geschieht nicht längst mehr? Ich weiss nicht, viele haben einen Planungshorizont von vielleicht einer Saison. Ich verstehe das nicht. Ich habe meine Vorschläge publiziert. Es hat einen Riesenwirbel gegeben, weil die Journalisten meinen Vorschlag als Zwangsvermietung zusammengefasst haben, was natürlich nicht stimmt. Ich wohne auch in einer Art Erstwohnung B. Der Boden gehört der Gemeinde. Ich bin freiwillig einverstanden gewesen, dass ich die Wohnung kaufe zu einem günstigen Preis, aber ich darf sie nie in die Spekulation geben oder vermieten. Die Entscheide sind freiwillig. Wenn man es rückwirkend anschaut, ist es schon Zwang, aber man hat ihn freiwillig auf sich genommen. Viele jetzige Eigentümer haben gedacht, sie müssten plötzlich vermieten. Das ist Unsinn. Die Besitzstandswahrung existiert in der Schweiz und wird hochgehalten, aber man muss das für die zukünftigen Wohnungen unbedingt prüfen. Wir haben einen derartigen Nachfrageüberhang wegen unserer starken Marke und weil es hier so schön ist. Leute aus aller Welt bezahlen jeden Preis und kriegen trotzdem keine Wohnung. Mit einem B-Status gäbe es die Möglichkeit, wesentlich günstiger, eine der nicht schönsten Wohnungen zu kriegen, doch immerhin eine zu kriegen – unter der Voraussetzung, dass man diesen Kompromiss eingeht, den Kompromiss des Flat-sharing gewissermassen. Ich bin sicher, mindestens ein Drittel der Nachfrager sind dazu bereit. Es wäre gut für den Ort, die Restaurants, das Gewerbe, die Bergbahnen, für die Atmosphäre, für die Steuern, für alle! Hier sind die Leute meines Erachtens viel zu unbeweglich. Eines von Norman Fosters Werken in St. Moritz (Bild: flickr.com/WhAT Association]«Alpenstadt St.Moritz»
Muss man die Schweiz eventuell, unter raumplanerischen Aspekten, «neu» erfinden? Es gibt 31 Agglomerationen in der Schweiz, wir sind die zweitkleinste, aber die einzige touristische Agglomeration. Der Köbi Gantenbein hat zu Recht einmal geschrieben, St. Moritz respektive das Engadin sei eine Alpenstadt mit 100'000 Betten und in der Saison die sechstgrösste Schweizer Stadt mit dem sicher schönsten Stadtpark der Welt. St. Moritz ist downtown Engadin, wenn man so will, ein kleines Manhattan, aber natürlich mit allen Reizen einer so verdichteten urbanen Siedlung um einen See herum, in einem Tal, das viel Raum hat und Weite. St. Moritz ist in der Horizontalen ohnehin praktisch gebaut, man kann noch etwas in die Vertikale gehen, was aber durch die ganze Abstimmung etwas verlangsamt wird. Ich glaube nicht, dass die Schweiz neu erfunden werden muss. Welche Rolle spielt hierbei die Architektur? Architektur spielt eine grosse Rolle, eigentlich stets mehr, weil man an guten Beispielen gesehen hat, welchen Einfluss es haben kann, wenn weltbekannte Architekten gute Gebäude umsetzen an einem Ort. Der ist dann angesagt, ist hipp und sexy – Vals ist ein Beispiel mit Peter Zumthor oder St. Moritz mit Norman Foster. Nun, es wird oft gesagt, dass St. Moritz eigentlich eine Tutti-Frutti-Architektur habe, gerade im Bad unten, wo es sehr verstädtert ist. Ich finde, das ist reine Geschmacksache. In der Regel waren das gar nicht schlechte Architekten, meistens von der ETH. Man hat in St. Moritz immer so gebaut, ehrlich gebaut, als Spiegel der Zeit. St. Moritz ist vielleicht nicht nach jedermanns Geschmack, aber St. Moritz ist garantiert kein Kitsch. Kein Châlet-Kitsch, kein Ballenberg-Kitsch, kein Disneyland, es ist ein Spiegel seiner Zeit. Sonst wäre nämlich ein Lord Foster gar nie hierher gekommen um zu bauen. Natürlich, unsere Gäste haben das Graffiti der UBS gerne und beachten vis-à-vis den schönen Ruch-Bau der CS fast gar nicht, dabei ist er architektonisch viel wertvoller. Inge Beckel und Fabienne Hoelzel |
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