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Nationales Schaulaufen
 
Die 7. Bienal Internacional de Arquitetura de São Paulo öffnete am vergangenen Samstag ihre Tore. Axel Simon gibt einen Überblick und verrät, warum man trotzdem nach Brasilien reisen sollte.
Parque do Ibirapuera mit Niemeyer-Bau (Bild: Margery Perlmutter)
«Zuverlässig, ordentlich, pflichtbewusst» – diese und noch weitere sprichwörtliche deutsche Tugenden prangen in halbmeter grossen Lettern am Ende der Halle von einer 36 Meter breiten Deutschlandflagge. Zumindest die anwesenden Europäer wissen nicht, ob sie weinen oder in Gelächter ausbrechen sollen, mit Blick auf diesen schwarz-rot-goldenen Hightech-Teppich, der sich die Wand hoch wölbt – zu monumental ist die Selbstironie, zu überdreht der Versuch, den nationalen Komplex zu überkrähen. Die meisten Brasilianer jedoch, so Peter Cachola Schmal, Generalkommissar des Beitrags, bleiben ernst und sehen ihr Bild von Deutschland bestätigt: als genauen Gegensatz der nicht weniger sprichwörtlichen negativen Eigenschaften Brasiliens.
Niemeyers Biennale-Gebäude bei der Eröffnung (Bild: Hans Demarmels)
Zentrum Venedig, Provinz São Paulo
 
Anders als in Venedig, wo sich viele der nationalen Pavillons an einem internationalen Diskurs beteiligen oder einzelne Themen behandeln, fühlt man sich auf der 7. Bienal Internacional de Arquitetura de São Paulo (BIA) ein Stück weit ins 19. Jahrhundert zurückversetzt: Den prominentesten Teil der 25'000 Quadratmeter in Niemeyers wunderschöner Ausstellungshalle im Ibirapuera-Park nehmen die Werbestände der Geld gebenden Firmen ein. Ebenso erinnern die Präsentationen der eingeladenen brasilianischen Architekten im Geschoss darüber eher an Messestände als an eine Architekturausstellung mit Anspruch. Und die Auswahl des Kuratorengremiums für jenen Teil, wo sich ein kunterbunter Haufen internationaler Architekten ein Stelldichein gibt, ist alles andere als nachvollziehbar. Wo sich hier das Thema der diesjährigen Biennale, the public and the private, zeigen soll, bleibt schleierhaft, obwohl es sich für einen Europäer in diesem 10-Millionen-Moloch geradezu aufdrängt: Selbst die Mittelschicht kann hier nur hinter Zäunen leben und verbringt ihre Freizeit in den sicheren «Shoppings».
 
Ebenso wenig nachvollziehbar bleibt das breit kolportierte Prädikat der Veranstaltung als zweitwichtigste Biennale nach Venedig. Es ist einzig erklärbar mit der hohen Besucherzahl (erwartete 200'000) und der Bedeutung der Schau für Brasilien selbst und für Lateinamerika insgesamt, nicht mit der zweifelhaften Qualität der Haupt- und der unzähligen kleinen und grösseren Nebenausstellungen, zu denen dieses Mal auch zwei Kniefälle vor dem demnächst hundertjährigen Oscar Niemeyer und dem letztjährigen Pritzkerpreisträger Paulo Mendes da Rocha gehören. Besucher aus Europa und Nordamerika bleiben die seltene Ausnahme. Wohl vor allem deshalb geben sich die Repräsentationen der 13 vertretenen Nationen auf der BIA wesentlich nationaler als in Venedig, was auch daran erkennbar ist, dass sich viele Länder von ihren jeweiligen nationalen Museen oder Instituten vertreten lassen, darunter diejenigen der Schweiz, Deutschlands oder der Niederlande. Dieser interessanteste und in weiten Teilen professionellste Teil der Biennale ballt sich an einem Ende der zweiten Etage des grossen Gebäudes und ist vor allem deswegen sehenswert, weil er einiges über die Identität der sich darstellenden Länder aussagt. Womit wir wieder am Anfang wären, beim zuverlässigen, ordentlichen, pflichtbewussten Deutschland.
Deutschland ist wieder wer! Wer? (Bild: Margery Perlmutter)
Deutschlands Technik, Frankreichs Egalité
 
Ersteres stellt auf seinem schwarz-rot-goldenen Teppich 15 Architekturbüros vor, die ein erstes grösseres Projekt im Ausland realisieren oder realisiert haben, viele von ihnen auch wegen ihres Wissens über nachhaltige Technik – glücklich ist, wer sich deutsche Entwicklungen leisten kann, weshalb unter den Beispielen auch keine Wohnhäuser zu finden sind, sondern vor allem Prestigebauten. Was braucht es da noch Architekten-Stars? fragt der Kurator. Die aufgeklappten Koffer (natürlich Made in Germany) mit Infos zu jeweils einem Projekt suggerieren, die deutschen Architekten seien nun Ready for take-off, so der Titel des Beitrags. Die Franzosen nebenan präsentieren 15 Projekte für Theaterhäuser aller Art. Hier ist man vor allem darauf stolz, dass die nationalen Stars und Youngster gleichermassen vertreten sind, ganz ohne Hierarchie, wie die Ausstellungsmacher mehrfach betonen. Fotos und Pläne der Projekte überlagern sich sogar durch transparente Displays! Nouvel und ein Newcomer vereint in einem Bild – so etwas würde das Establishment in seiner Heimat nicht zulassen, hier, wo keiner von ihnen vorbei komme, ginge das. Auch eine Aussage zur Befindlichkeit der Architekturszene eines Landes.
 
Portugals Fernsehen, Norwegens Holz
 
Portugal macht sich im vielleicht launischsten Beitrag auf die Suche nach der eigenen Identität. TV und Film dienen dabei als Metapher, aber auch als eines der Medien, um die Entwicklung der Architektur während Diktatur, internationaler Öffnung und europäischer Vereinigung zu beleuchten: Die portugiesischen Sängerinnen des Eurovision Song Contest trällern, die Casa da Musica in Porto von O.M.A. brüllt. Norwegen hat es da einfacher. Lost in Nature ist der Titel einer monografischen Schau über Jarmund/Vigsnæs Architects, einem Büro der jüngeren Generation, deren 12 sehr schweizerische Bauten alle in einer unberührten Landschaft zu stehen scheinen, wie es die grossformatigen Fotos vermitteln.
Durch den Schweizer Beitrag führt die SAM-Direktorin Francesca Ferguson (Bild: Hans Demarmels)
Schweizerische Primitive, österreichische Wilde
 
Dass es eine solche im Gegensatz zu Norwegen in der Schweiz nicht mehr gibt, zeigen in der vom Schweizerischen Architekturmuseum produzierten Ausstellung schöne Fotos von Joël Tettamanti. Zusammen mit 15 ausgewählten Projekten finden sie sich auf der mäandrierenden Ausstellungsinstallation der jungen Basler HHF Architekten, die über einem roten Teppich eine abstrahierte Landschaft formt. Hier bekommt man den intimsten Biennale-Einblick ins Schaffen eines Landes: Zum Grossteil der Projekte findet sich ein kurzes Filminterview mit dem jeweiligen Architekten, der Architektin und dem Bauherren. Man hört (auf Englisch oder Portugiesisch) Geschichten, Meinungen und Strategien, wie die Siedlung, der Stall oder die Brücke die gegebenen rechtlichen, gesellschaftlichen oder landschaftlichen Bedingungen in Architektur gegossen hat. Ein weiterer Beitrag aus der Schweiz findet sich übrigens in der Ausstellung der eingeladenen internationalen Architekten: Christ & Gantenbein, die ihren Baumpavillon in Jinhua und ihr Erweiterungsprojekt für das Landesmuseum in Zürich als Primitive Architecture verkaufen. Was die Brasilianer wohl davon halten?
 
Als quasi einzige teilnehmende Nation macht Österreich mit dem Hauptthema der Biennale, the public and the private, ernst. Zu ernst. T-shirt tragende Schaufensterpuppen vermitteln unlustig Infos zu einer Reihe von lustigen Aktionen, die das Wiener Büro Feld 72 initiiert hat, Sticker mit so provokanten Slogans wie «This place makes you act like a tourist» sollen mitgenommen, irgendwo aufgeklebt, fotografiert und über flickr.com in die Welt hinaus geschickt werden. Ein verkrampft provokatives und verzettelt umgesetztes Konzept, eine Haltung, die aus jeder Bushaltestelle ein Statement zum öffentlichen Raum und aus jedem Furz einen Brand macht – holländischer als die Österreicher ist niemand.
Aktion der Niederländer (Bild: Margery Perlmutter)
Niederländisches Slow-food, brasilianische Moderne
 
Am allerwenigsten die Holländer. An ihrem Stand findet sich die grösste Überraschung der BIA. Die Kuratorin Linda Vlassenrood vom NAI versammelt in einer leisen Ausstellung fünf Akteure und Akteurinnen: ein Architekturbüro (Onix), einen Künstler (Frank Havermans), einen Modeschöpfer (Alexander van Slobbe), eine Produkt- (Hella Jongerius) und eine Textildesignerin (Claudy Jongstra). Sie alle suchen nach Bedeutung im globalisierten Einerlei und finden sie in Handwerk, Ort und Tradition. Sie reproduzieren nicht nostalgisch alte Formen und binden industrielle Techniken undogmatisch mit ein. Einen solchen Ansatz hätte man in den Niederlanden tatsächlich am allerwenigsten erwartet. Und er wird ganz ohne Brand à la «Superdutch» vermittelt! Stattdessen ist alles unprätentiös dokumentiert und zum grossen Teil steht es 1:1 zum Anfassen da, visuell zusammengehalten durch ein simples, aber raffiniertes Regalsystem.
 
Besser als jedes Resümee spricht die folgende Anekdote vom Verhältnis der 7. BIA, ihrer Beiträge und den Architekturperlen, die São Paulo zu bieten hat. Am Abend nach der Eröffnung der Biennale berichten zwei Architekten aus Holland und Norwegen in einer Bar von ihrem Besuch des Gebäudes der Architekturfakultät, das Villanova Artigas in den 1960er-Jahren gebaut hat. Die baumlangen, kahl rasierten Männer gehen förmlich in die Knie vor dem meisterhaften Haus, bekommen noch von der Erinnerung an den dortigen Raum feuchte Augen. «You have to write about THAT!» sagt der Norweger zu mir, obwohl sein Werk an der Biennale ausgestellt ist.
 
Axel Simon