|
CCTV
TV Station and Headquarters, China, Beijing, 2002-08 Bauherr China Central Television (CCTV) Architektur O.M.A., Ole Scheeren and Rem Koolhaas Tragwerk, Brandschutz, Sicherheit Arup, London/Hong Kong/Beijing, Cecil Balmond Partnerarchitekten und -ingenieure in China ECADI (East China Architecture & Design Institute), Shanghai Grundstück 20 Hektaren im neuen Central Business District Programm CCTV: total 465'000 qm, inkl. Administration, Redaktionsbüros, Produktionsstudios, Nachrichtenstudios, Räumen für Personal und Parking. TVCC: total 95'000 qm, inkl. Hotel, öffentlichen Räumen, Parking und einem separaten Service Building Kosten 5 Billionen RMB (850 Millionen Euro) |
Pharaonischer Konstruktivismus Wenn alles nach Plan läuft, wird im Neubau von Rem Koolhaas’ Office for Metropolitan Architecture O.M.A. ab 2009 der gesamte Verwaltungs-, Produktions- und Sendeapparat der China Central Television (CCTV) untergebracht sowie eine Reihe von Nutzungen für Besucher im eigens dafür vorgesehenen Television Cultural Center (TVCC). Während letzteres, weitaus konventioneller, in seiner Gesamtform bereits deutlich erkennbar ist, stehen dem Primus CCTV die konstruktiv schwierigsten Phasen erst noch bevor. Alexander Fthenakis hat sich auf der Baustelle umgesehen. Baustelle des CCTV: Stand der Dinge im September 2007 (Bild: Autor)Streng bewacht und für Besucher geschlossen Wir betreten die streng bewachte Baustelle am Fusse des südlichen Turms des CCTV Gebäudes, der bereits seine maximale Höhe erreicht hat. Es ist ein Projekt, in dem O.M.A. seine Vorstellungen von konzentrierter urbaner und medialer Aktivität in Verbindung mit radikaler architektonischer Ikonografie in einem bisher einmaligen Massstab erproben kann. Und das entlang des Third Ring, einer auf vierzehn Spuren pulsierenden Hauptverkehrsader Pekings, inmitten des stetig wachsenden Central Business District. «Der Grossteil der Entwicklungsarbeit ist getan, jetzt wird vor allem an der Konzeption der Innenräume und öffentlichen Bereiche gearbeitet», erläutert Anu Leinonen, Projektarchitektin im Team des verantwortlichen O.M.A.-Partners Ole Scheeren. Nach dem Willen der chinesischen Regierung sollen alle Grossprojekte bis zur Olympiade im kommenden August 2008 abgeschlossen sein. CCTV kommt dabei die Funktion eines Aushängeschildes zu. «Wir liegen gut im Zeitplan. Das TVCC, die Fassade des CCTV-Gebäudes und die Umgebungsgestaltung werden zur Olympiade fertig gestellt sein. Dies, obwohl CCTV aufgrund seiner Komplexität nicht zu den chinesischen Blitzprojekten gehört», sagt Leinonen, die seit Baubeginn 2004 das Projekt für O.M.A. in Peking mitbetreut. Die einzelnen Konstruktionsphasen (Rendering: © O.M.A. / Ole Scheeren and Rem Koolhaas) Bedrohlich geneigte CCTV-Türme vor der konstruktiv heikelsten Phase: Bauarbeiten bei Nacht (Bild: flickr.com/China Chass)Imhotep, El Lissitzky und die subtrahierte Pyramide Das Bauwerk ist als steife Röhre ausgebildet, deren Umhüllungsflächen in eine rautenförmige Struktur aufgelöst ist – je nach anfallenden Lasten eng- oder weitmaschiger. Das Ergebnis ist eine hochkomplexe Oberflächenstruktur, welche die Einfachheit des Gesamtvolumens unterwandert. Die Kubatur des ziselierten und geknickten Volumens schreibt sich, geometrisch betrachtet, präzise in eine spitze, über 750 Meter hohe regelmässige Pyramide quadratischer Basis ein. Nun hat aber O.M.A. von diesem architektonischen Urbild von Stabilität und Unverrückbarkeit so viel subtrahiert, bis es in sein genaues Gegenteil gekippt ist: In einen dynamisch und labil wirkenden Wolkenbügel. Eine Kreuzung von Imhotep und El Lissitzky, welche eine pharaonische Monumentalität mit der Abgehobenheit konstruktivistischer Papierarchitektur paart. Wer verstehen möchte, wie diese gewaltige, allseits windschiefe und weit auskragende Figur tatsächlich gebaut werden kann, der kommt derzeit genau richtig. Vom 43. Stockwerk abwärts lässt sich momentan jeder Arbeitsschritt am Bau lehrbuchartig ablesen, vom verworrenen Spinnennetz des nackten Stahlskeletts bis hin zu dessen gläserner Verpackung. Auf der Baustelle: Detail des Südturms (Bild: Autor)Ikonografie versus «versteckte» Konstruktion Während in den obersten Geschossen noch in Schichtarbeit geschweisst und geschraubt wird, hat vom Erdgeschoss aufwärts bereits die Montage der Curtainwall aus Aluminium, Stahl und Glas begonnen – trotz der zu erwartenden Setzungen des Rohbaus infolge der massiven Lasteinwirkung der noch fehlenden, auskragenden Geschosse. «Alle Fassadenelemente sind beweglich montiert und werden erst fixiert, wenn der Rohbau vollständig abgeschlossen ist», so Leinonen. Nach ihrer Fertigstellung wird die Verkleidung nur noch teilweise die konstruktive Anatomie des Gebäudes verraten. Während die diagonalen Zug- und Druckstützen dramatische Furchen in die glatten und hermetischen Glasfassaden ziehen werden, bleiben die viel konventioneller anmutenden, strukturell aber ebenso wichtigen vertikalen Stützen dahinter verborgen. Erst nachts wird das ganze Geheimnis um die Röhrenstruktur gelüftet, wenn die Innenbeleuchtung der Räume in immer wechselnden Konstellationen alle ihre Schichten zum Vorschein bringen wird. Die «saubere» Darstellung des stabilen Ganzen wird zugunsten der irritierenden Wirkung einer fragmentarischen Inszenierung konstruktiver Teilaspekte zurückgestellt. Dadurch wird freilich die ikonografische Prägnanz potenziert. Rot dargestellt: Der künftige Besucherweg durch CCTV (Bild: © O.M.A. / Ole Scheeren and Rem Koolhaas)Wolkenbügel 160 Meter über Boden Auf der Fahrt im offenen Käfig des Baustellenaufzuges entfaltet sich von Geschoss zu Geschoss das Schauspiel der Verästelungen der Gebäudestruktur in einem Zeitraffer, wie er später nicht mehr zu erleben sein wird. Im 37. Stockwerk hat man schliesslich das Gefühl, auf einer Schiffswerft oder Off-Shore-Plattform gelandet zu sein. Durch dieses Geschoss werden in Zukunft auch Besucher auf ihrer «Visitors' Tour» hindurchgeschleust – ein Panoramadeck, von dem man einen Überblick über die riesige urbane Maschine CCTV erhalten wird: Unter den Füssen der grosse öffentliche Platz, das sogenannte «Green Deck», nach Norden das TVCC, im Osten das Service Building und der Media Park. Das 37. Stockwerk ist ein besonderes. Auf dieser Ebene werden sich die zwei jetzt noch schräg in den Himmel ragenden Rümpfe des Nord- und Südturms erstmals begegnen und zum «Loop» verschmelzen – das Koolhaas’sche Gegenstück des unendlich aufwärts strebenden Hochhauses. Ende August wurde mit diesem konstruktiven Kabinettstück begonnen. Die beiden Türme, zunächst getrennt voneinander errichtet, müssen sich an einem klimatisch optimalen Tag in diesem Herbst 160 Meter über Boden punktgenau treffen. Ist die Verbindung auf Geschoss 37 geglückt, dient letzteres als Plattform für die Errichtung der darüberliegenden Stockwerke. «Das sind Konstruktionen, die im Brückenbau üblich sind, nicht aber bei einem Hochhaus», betont Leinonen. Die ersten Stahlausleger ragen schon in Richtung des Nordturms. Die Kräfte, die sie demnächst zu übertragen haben, sind so gewaltig, dass an einzelnen Schweissnähten vierundzwanzig Stunden lang durchgehend gearbeitet werden muss um die notwendige Stabilität zu gewährleisten. Go east, Blick (zurück?) nach Westen (Rendering: © OMA / Ole Scheeren and Rem Koolhaas) Im Innern des Wolkenbügels (Rendering: © O.M.A. / Ole Scheeren and Rem Koolhaas)«We are ready» Dass CCTV, die Sphinx der architektonischen Parade am Third Ring, entgegen der Befürchtungen einiger Kritiker wirklich baubar ist, davon kann man sich überzeugen. Was die Baustelle aber nicht verraten konnte, ist die Art des öffentlichen Lebens, das nach den Vorstellungen des urbanistischen Visionärs Koolhaas zwischen den dicken Beinen dieses architektonischen Goliaths stattfinden wird. Wirkliche Öffentlichkeit im Schatten monumentaler Staatsbauten zu generieren ist insbesondere in einem Land wie China alles andere als selbstverständlich. Der Platz des Himmlischen Friedens ist nachts ein Tummelplatz für Touristen, minderjährige Prostituierte und Polizeiautos. Das Gelingen des Projekts als soziale Konstruktion hängt vor allem davon ab, wie sich die chinesische Gesellschaft und ihre Institutionen entwickeln – und ob sich die Hoffnungen eines Rem Koolhaas in dieser Hinsicht erfüllen. Aber genau dieser – nicht ganz uneigennützige – Optimismus macht CCTV zum derzeit bedeutendsten Beitrag für ein Peking, das sich neu erfinden will, noch vor den architektonischen Landmarks der olympischen Anlagen. Man darf gespannt sein, wenn am 8. August 2008 die Hymne «We are ready» nicht nur für die 29. Olympischen Sommerspiele, sondern auch für CCTV erklingt... Alexander Fthenakis China quo vadis? Blick auf Peking (und in den Smog) vom 37. Geschoss des CCTV (Bild: Autor) |
|