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Zu den aktuellen Hotelprojekten und der Destinationen-Bildung sind in letzter Zeit zahlreiche Artikel erschienen.
Exemplarisch seien erwähnt: Beobachter, 22/06; Die Südostschweiz, 03.10., 17., 21., 24., 25., 27.11.06; Neue Zürcher Zeitung, 05.09., 16., 25.-26.11.06 |
Grossprojekte, sanfte Alternativen und unerwartete Exotik Am Freitag, dem 01.12. wird in Arosa das «generalüberholte» Tschuggen Grand Hotel mit 130 Zimmern und Suiten wiedereröffnet. Allein die von Mario Botta entworfene Wellness-Landschaft – die in gewissen Punkten durchaus Referenz erweist an die inzwischen 10-jährige Therme in Vals – breitet sich auf einer Fläche von 3500 Quadratmetern aus. Doch nicht nur das Tschuggen in Arosa rüstet auf - die Tourismusbranche generell ist in Bewegung. Sieben Projekte mit über 7000 Betten Am vergangenen Wochenende hat die Davoser Stimm-Bevölkerung mit einem Ja-Anteil von rund 80 Prozent der Sondernutzungsplanung im Gebiet Stilli-Park zugestimmt (vgl. gemeldet 47|06). Damit rückt die Realisierung des Fünf-Sterne-Superior-Resort der Inter-Continental Hotels Group näher. Mit weltweit über 3500 Hotels will die Gruppe nun auch in Davos mit 180 Zimmern sowie 60 Luxusappartements präsent sein. Das aus dem Atelier Matteo Thun stammende Projekt erinnert formal an ein perforiertes liegendes Ei, Norman Fosters «Kürbis» in St. Moritz oder aber einen aufgehenden Mond. Für den 105-Meter-Turm von Herzog & de Meuron auf der Davoser Schatzalp suchen die Besitzer Investoren sowie eine international renommierte Hotelkette als Betreiberin - hier sind «nur» etwa 100 Betten vorgesehen. In Arosa hat der Kanton Einsprachen gegen die Ergänzung des Ortsplans abgelehnt, wodurch auch hier das im Gebiet Prätschli geplante Vier-Sterne-Hotel mit 400 Betten, natürlich mit Wellness-Bereich, der Umsetzung ein gutes Stück näher kommt. In Savognin gibt es Planungen für ein Resort im Castle-Look mit 1200 Hotelbetten und 500 Ferienwohnungen, wie der Beobachter kürzlich berichtete. Dieser weiss auch von der kanadischen Investorengruppe Intrawest, die in der Nähe von Verbier im Wallis eine Siedlung mit 2000 Betten projektieren soll, diesmal im Chalet- Stil. Und nicht zu vergessen ist das Vorhaben von Samih Sawiri in Andermatt mit einem Gästevolumen von 800 Betten. Matteo Thun baut im Stilli-Park in Davos (Bild: matteothun.com)Grösse, Kooperation und Branding Nur sieben Vorhaben – sollten sie dennn alle gebaut werden – bringen dem Tourismusland Schweiz also über 7000 Betten mehr. Somit wird hier einem Mangel, den die NZZ am vergangenen Wochenende als Problem des hiesigen Tourismus anprangerte, nämlich dass es zu viele kleine Häuser gebe, begegnet. Als weiterer Mangel werden ineffiziente Marketingstrukturen genannt. Auch diesbezüglich fand am vergangenen Wochenende im Bündnerland eine wegweisende Abstimmung statt, denn inskünftig wollen sich die 11 Gemeinden des Oberengadins zu einer regionalen Tourismus- organisation zusammenschliessen und unter dem Label Destination Engadin/St. Moritz vermarkten. Gemäss der Südostschweiz will der Bündner Regierungsrat im ganzen Kanton in Zukunft nur noch fünf, dafür schlagkräf- tige Destinationen auf dem internationalen Markt platzieren: Diese sind neben dem Oberengadin Flims-Laax, Arosa-Lenzerheide, Davos-Klosters und Scuol-Samnaun. Die Grossprojekte werden zudem teilweise von international renommierten Architekturbüros geplant. Längst zeigt sich, dass neben den Faktoren Grösse und Kooperation ein dritter an Bedeutung gewinnt: die Architektur als «Brand», als schnell erkennbares und zusätzliche Gäste generierendes Zeichen. Als im französischen Firminy beispielsweise vor wenigen Tagen die Anfang der 1960er-Jahre von Le Corbusier entworfene Kirche Saint-Pierre eingeweiht wurde (NZZ vom 24.11.), verkündete ein Verantwortlicher stolz, dass Firminy nun jährlich mit 100'000 Besuchern rechnen könne. Der Schatzalp-Turm von Herzog & de Meuron (Bild: schatzalp.ch/ © Herzog & de Meuron)Inseln in der Landschaft Doch, ob «gebrandet» oder nicht, Hotelgrossprojekte, wie die eingangs erwähnten, haben die Tendenz, ihren Gästen im eigenen Haus möglichst viel zu bieten: eine Auswahl an Restaurants, Bars, vielleicht eine Disco, teilweise gar Läden, Wellness, Konferenzräume. Arbeit, Freizeit, Erholung, ohne die Anlage zu verlassen. Damit werden die Hotelkomplexe gewissermassen zu einem – in sich geschlossenen – Ort im Ort. Dies wohl in besonderem Masse, wenn sie ausserhalb oder nur am Rande des bestehenden Siedlungskörpers liegen. Inwieweit hier die jeweils lokale Infrastruktur an Restaurants und Läden von diesen «ausgelagerten» Gästen profitieren kann, ist ungewiss. Ein weiterer strittiger Punkt ist die Besetzung des Bodens. Gerade weil sie meist ausserhalb liegen, sei der Landschaftsverbrauch dieser «Tourismusgettos» enorm, meint etwa Raimund Rodewald von der Stiftung Landschaftsschutz im Beobachter. Vor diesem Hintergrund will Pro Natura eine Initiative zur Begrenzung der Gesamtfläche von Bauland – schweizweit – lancieren. Wird am einen Ort eingezont, muss an einem anderen die entsprechende Fläche ausgezont werden, so die Vorstellung der Initianten, wie news.ch vom 7. November berichtete. Unterstützt wird Pro Natura von zahlreichen Organisationen, so vom Aktionskomitee Galmiz, dem Hausverein Schweiz, Praktischen Umweltschutz Schweiz, Schweizer Heimatschutz, der Vereinigung zum Schutz der kleinen und mittleren Bauern, dem Schweizer Vogelschutz, der Stiftungs Landschaftsschutz und dem WWF Schweiz. Denn Boden ist ein knappes und letztlich nicht erneuerbares Gut. Auch die Coopzeitung will sich dem Thema widmen und hat auf ihrer Homepage eine Leserbefragung unter dem Motto Unterstützen wir sanfte Projekte! gestartet. Das Hotel von Gletsch, Wallis, um 1920Alles ausser gewöhnlich
Ein weiterer nachteiliger Punkt der Viel-Sterne-Resorts ist, dass sie sich auf der ganzen Welt gleichen. Ob Berchtesgaden, Davos oder Aspen, die Hotels einer Kette folgen der Corporate Identity. Will man nun aber die Welt in ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit erleben, bietet sich oft eher das alternative, viel stärker in der Region verankerte Tourismussegment an. Ernen im Wallis etwa wirbt mit einem Maultiertrekking im Bergland: «Auf unserem Betrieb leben vorwiegend alte, vom Aussterben bedrohte Haustierrassen wie Hinterwälder-Rinder, altes Walliser Landschaf und wollhaariges Weide- schwein». Ein wollhaariges Weideschwein, welche Exotik! Oder im Bündner Albulatal lässt sich im Kornfeld, im Zigeunerwagen oder im Knappenhaus übernachten – wobei der Slogan treffend lautet: «Alles ausser gewöhnlich». Diese Angebote trotzen der globalisierten und damit meist nivellierten Welt mit Ursprünglichkeit und Authentizität – und werden damit in gewissem Sinne zu den Exoten von heute. Zudem sind sie fast immer günstiger. Allerdings ist klar, dass es Grossprojekte schon vor 100 Jahren gab, man denke an St. Moritz oder Gletsch. Die «Hotelkästen» jener Jahre sprengten den damaligen Massstab, sie waren neu, aussergewöhnlich und eben – die Exoten von gestern. Vermutlich braucht es beides, die Resorts und die alternativen Angebote. Letztere werden aber ihrerseits schlagkräftige Strategien im Kampf gegen die Giganten entwickeln müssen, um ein Gleichgewicht auf dem Tourismusmarkt und dem Gast eine Auswahl erhalten zu können. Und dann liegt es an uns Reisenden, mit unserer Wahl das eine oder das andere Angebot zu unterstützen. Inge Beckel |
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